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Evoya AI im Interview: «DSG-konform ist kein Differenzierungsmerkmal, wenn die Daten über US-Infrastruktur laufen»

DIGITAL AWARDS SWITZERLAND 11. JUNI 2026 6 MIN LESEN EVOYA-AI SCHWEIZER-KI DSG

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Martin Bachmann (Co-Founder & CTO Evoya AI) über die Spinout-Geschichte aus insign, vier Produkte statt Fokus, 60 % vollautomatisierte Kundenkommunikation, Schweizer Gemeinden als strategisches Vertical, und warum Schweizer KI-Infrastruktur mehr ist als ein Marketing-Versprechen.

Wenn man Evoya AI auf der Referenzliste durchscannt, fällt ein Muster auf: Lungenliga Aargau, Integrierte Psychiatrie Winterthur, Acrevis, mehrere Schweizer Gemeinden. Kein klassisches KMU-Marketing-Setup. Martin Bachmann, Co-Founder und CTO der 2023 aus der Digital-Agentur insign ausgegründeten KI-Plattform, hat sechs Fragen beantwortet — zur Spinout-Mechanik, zur bewussten Produktbreite, zu 60 % vollautomatisierter Kundenkommunikation in der Praxis, und zur unbequemen Wahrheit über Schweizer KI-Anbieter, die «DSG-konform» auf die Visitenkarte drucken, aber die Daten trotzdem über US-Infrastruktur leiten.

Das Wichtigste in 30 Sek.

  • Spinout-Mechanik: Evoya entstand, als ein Kunde fragte, ob er die KI-Lösung auch selbst betreiben könne — ohne insign als Flaschenhals. Aus der Wiederholung kundenspezifischer Bauten wurde eine Plattform.
  • Vier Produkte (EvoChat, EvoBot, EvoSearch, EvoKonversa) sind nicht Strategie, sondern Reaktion auf reale Kundenprobleme. Wenn nur eines bleiben dürfte: EvoChat.
  • «Skaliert wirklich heisst: wenn man aufhört, es zu beobachten, und es trotzdem besser wird» — Bachmann über den Moment, an dem ein Kundenprojekt 60 % Vollautomatisierung erreichte, ohne dass jemand nachsteuerte.
  • Schweizer Infrastruktur nachweisen, nicht behaupten — Bachmanns klarste Position: «DSG-konform» ist kein Differenzierungsmerkmal, wenn die Daten trotzdem über US-Infrastruktur laufen.

1. Wie aus Kundenprojekten eine Produktfirma wurde

Bachmann beschreibt den Übergang von Agentur-Kundenprojekten zur eigenen Produktfirma nicht als bewusste Strategie-Entscheidung, sondern als Häufung: «Wir haben für mehrere Kunden ähnliche KI-Lösungen gebaut und jedes Mal von vorne angefangen. Irgendwann war klar, dass wir entweder eine Plattform bauen oder dasselbe immer wieder neu erfinden.»

Der konkrete Kipppunkt kam von der Kundenseite: «Der eigentliche Kipppunkt war, als ein Kunde fragte, ob er die Lösung, die wir für ihn gebaut hatten, auch selbst betreiben könnte — ohne uns als Flaschenhals. Da war das Produktdenken da.» Das ist die ehrlichste Spinout-Geschichte, die wir bisher gehört haben: nicht «wir hatten eine Vision», sondern «ein Kunde wollte uns nicht mehr als Flaschenhals».

2. Vier Produkte statt Fokus — warum bewusste Breite

EvoChat, EvoBot, EvoSearch, EvoKonversa: vier Produktnamen in einer KI-Plattform ist viel. Bei jungen KI-Firmen ist die Versuchung gross, sich auf ein Produkt zu fokussieren. Bachmann gibt einen ungewöhnlich ehrlichen Grund für die Breite: «Die Breite ist nicht Strategie, sondern Realität. Kunden kommen mit unterschiedlichen Problemen. EvoChat löst etwas anderes als EvoBot oder EvoSearch.»

Auf die Frage, welches Produkt zuerst weggefallen wäre, wenn er nur eines behalten dürfte, wählt er klar: EvoChat. «Weil es der direkteste Weg ist, wie Menschen mit KI interagieren, und weil es die meisten Anwendungsfälle abdeckt.» Bachmann räumt selbstkritisch ein: «Wir hätten uns früher fokussieren können — und vielleicht sollten wir es noch stärker.» Diese Art von Selbstkritik in einem Interview ist selten — und sie passt zu einer Firma, die nicht an die Demo, sondern an den Betrieb verkauft.

3. 60 % vollautomatisch — was «skaliert wirklich» bedeutet

Auf Evoyas Site steht die Zahl «60 % der Kundenanfragen vollautomatisch» bei einem Partner. Wir wollten den Moment wissen, an dem Bachmann gemerkt hat: jetzt skaliert es wirklich. Seine Antwort liefert eine der präzisesten Definitionen von KI-Skalierung, die wir bisher gehört haben:

«Der Moment war nicht dramatisch — wir haben einfach die Zahlen nach drei Monaten angeschaut und gesehen, dass der Anteil menschlicher Eingriffe kontinuierlich gesunken war, ohne dass wir aktiv nachgesteuert hatten. Das System hatte sich an die häufigsten Anfragen angepasst. ‹Skaliert wirklich› heisst für mich: wenn man aufhört, es zu beobachten, und es trotzdem besser wird.»

Bachmann nennt den Kunden nicht öffentlich — «ein Unternehmen im Bereich Kundenkommunikation mit hohem Volumen» — aber das Prinzip ist verallgemeinerbar. KI-Skalierung lässt sich nicht an Pilotzahlen messen. Sie zeigt sich erst, wenn das menschliche Backup nicht mehr aktiv eingreifen muss.

4. Warum Gemeinden, nicht KMU-Marketing

Die Referenzliste (Lungenliga Aargau, Integrierte Psychiatrie Winterthur, Acrevis, mehrere Gemeinden) zieht klar in regulierte Sektoren. Der Sales-Zyklus dort ist länger als bei klassischem KMU-Marketing — wieso die bewusste Wahl?

Bachmann argumentiert strukturell: «Weil der Bedarf dort strukturell ist, nicht modisch. Eine Gemeinde, die KI für Bürgeranfragen einsetzt, macht das nicht, weil KI gerade hip ist — sie macht es, weil sie Personalknappheit hat und Anfragen trotzdem beantworten muss. Das ist ein dauerhaftes Problem, kein Trend.»

Die Trade-offs sind klar: längerer Sales-Zyklus, dafür «Churns fast null». Und ein zweiter Effekt, den viele unterschätzen: «Wer einmal in einer regulierten Umgebung liefert, hat Referenzen, die zählen.» Eine Gemeinde, die Evoya einsetzt, ist eine Referenz, die Versicherer und Banken anschliessend ernst nehmen — umgekehrt ist eine Marketing-Agentur als Referenz wertlos für die nächste Spitalpflege-Verwaltung.

5. Modellwechsel ohne Vendor-Lock — wie das in der Praxis aussieht

Wenn ein Evoya-Kunde nach drei Monaten merkt, dass GPT-5.5 oder Claude Opus 4.7 für seinen Anwendungsfall besser wäre, was ändert sich? Bachmanns Antwort liefert das stärkste Argument für eine Plattform-Architektur:

«Für den Kunden ändert sich operativ wenig — er wählt das neue Modell in der Plattform aus, testet es gegen seine bestehenden Prompts und Use Cases, und schaltet um. Kein Vendor-Lock, kein Neuaufbau.»

Der Aufwand liegt explizit bei Evoya: neue Modelle schnell integrieren, Schnittstellen stabil halten. «Der Aufwand liegt bei uns, nicht beim Kunden — das ist bewusst so gebaut.» Genau dieser Punkt unterscheidet eine echte KI-Plattform von einem «Wrapper» um einen LLM-Anbieter: die Abstraktion muss so robust sein, dass ein Modellwechsel beim Kunden keine Migration auslöst.

6. Die unbequeme Wahrheit über «DSG-konform»

Wir hatten Bachmann nach einer unbequemen Wahrheit über Schweizer KI-Plattformen gefragt — vor allem an die Konkurrenz, die «DSG-konform» als Verkaufsargument nutzt. Seine Antwort ist die schärfste in diesem Interview:

«‹DSG-konform› ist kein Differenzierungsmerkmal, wenn die Daten trotzdem über US-Infrastruktur laufen — auch wenn der Vertrag in der Schweiz liegt. Die unbequeme Wahrheit ist: Viele Anbieter verkaufen Compliance als Feature, ohne die technische Grundlage dafür wirklich zu haben.»

Schweizer Infrastruktur bedeutet bei Evoya: «Die Daten bleiben physisch in der Schweiz und werden nicht über Dienste geroutet, die dem US Cloud Act unterliegen.» Das ist eine technische Aussage, keine Marketing-Position. Und sie ist nachprüfbar: Hosting-Standort, Routing-Trace, AVV mit allen Sub-Auftragsbearbeitern. «Das ist ein Unterschied, der in regulierten Sektoren zählt — und den man nachweisen können muss, nicht nur behaupten.»

Für eine Gemeindeverwaltung, die mit Personendaten arbeitet, oder ein Spital, das mit Patientendaten arbeitet, ist genau das die Frage, die zwischen technischer Realität und Marketing trennt. Bachmanns Position ist eine direkte Aufforderung an die Schweizer KI-Anbieterszene: Hört auf, Compliance zu verkaufen, die ihr technisch nicht haltet.


Über Evoya AI

Evoya AI ist eine Schweizer KI-Plattform mit Sitz in Uster (Brunnenstrasse 27, 8610 Uster). Ausgegründet aus der Digital-Agentur insign, betreibt Evoya vier integrierte Produkte: EvoChat (Conversational AI), EvoBot (Task-Automatisierung), EvoSearch (KI-Suche) und EvoKonversa (Voicebot). Fokus auf regulierte Sektoren — Gemeinden, Gesundheitswesen, Finanzdienstleister — mit explizit Schweizer Infrastruktur (Daten physisch in der Schweiz, kein Routing über US Cloud Act-pflichtige Dienste).


Dieses Interview ist Teil der laufenden Feature-Reihe auf digitalawards.ch, in der wir Schweizer KI-, Software- und Digital-Agenturen mit Fokus auf operative Praxis vorstellen. Anfrage oder Themenvorschlag: lou@digitalawards.ch.

FRAGEN & ANTWORTEN

HÄUFIG GEFRAGT

Wie ist Evoya AI entstanden?
Als Spinout aus der Digital-Agentur insign. Der Kipppunkt war, als ein Kunde fragte, ob er die für ihn gebaute KI-Lösung auch selbst betreiben könne, ohne insign als Flaschenhals. Aus dem Bedarf nach einer Plattform statt immer neuer Custom-Projekte wurde die Produktfirma Evoya AI.
Welche Produkte hat Evoya AI im Portfolio?
Vier Produkte: EvoChat (Conversational AI), EvoBot (Task-Automatisierung), EvoSearch (KI-gestützte Suche) und EvoKonversa (Voicebot/Telefonie). Co-Founder Martin Bachmann nennt die Breite bewusst keine Strategie, sondern eine Reaktion auf reale Kundenprobleme. Wenn nur eines bleiben dürfte, wäre es EvoChat.
Warum fokussiert Evoya auf Gemeinden statt KMU-Marketing?
Weil der Bedarf in regulierten Sektoren strukturell ist, nicht modisch. Eine Gemeinde setzt KI für Bürgeranfragen ein, weil sie Personalknappheit hat — nicht weil KI gerade hip ist. Sales-Zyklus länger, dafür Churn fast null. Und Referenzen aus regulierten Umgebungen zählen anschliessend in jeder Branche.
Wie funktioniert Modellwechsel bei Evoya in der Praxis?
Für den Kunden: minimal. Er wählt das neue Modell in der Plattform aus, testet gegen seine bestehenden Prompts und Use Cases, schaltet um. Kein Vendor-Lock, kein Neuaufbau. Der Integrationsaufwand für neue Modelle liegt bei Evoya, nicht beim Kunden — bewusst so gebaut.
Was bedeutet Schweizer Infrastruktur konkret?
Dass die Daten physisch in der Schweiz bleiben und nicht über Dienste geroutet werden, die dem US Cloud Act unterliegen. Laut Bachmann ist «DSG-konform» kein Differenzierungsmerkmal, wenn die Daten trotzdem über US-Infrastruktur laufen — auch wenn der Vertrag in der Schweiz liegt. Schweizer Infrastruktur muss nachweisbar sein, nicht nur behauptet.
Was heisst bei Evoya AI «KI-Automatisierung skaliert wirklich»?
Bachmann: «Wenn man aufhört, es zu beobachten, und es trotzdem besser wird.» Bei einem Kunden im Bereich Kundenkommunikation erreichte Evoya 60 % vollautomatisierte Anfragen — und der Anteil menschlicher Eingriffe sank kontinuierlich weiter, ohne aktive Nachsteuerung. Das System passt sich an die häufigsten Anfragen an.
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